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Corvette Performance Training 2002


Anneau du Rhin
11. Juli 2002


„Der typische Sound eines V8. Atemberaubende Beschleunigung. Totale Konzentration. Fahren Sie die Corvette auf anspruchsvollen Teststrecken und lernen Sie die amerikanische Sportwagen-Legende richtig kennen. Erleben Sie das ausgezeichnete Fahrverhalten und das perfekte Handling dieses Fahrzeugs. Erfahren Sie Grenzsituationen und lernen Sie, wie man in kritischen Situationen richtig reagiert: Bremsen bei hoher Geschwindigkeit, perfekte Kurvendurchfahrten, Schleudertraining auf nassen Strassen, Slalom und vieles mehr.“

Diese verführerischen Worte aus dem Hochglanz-Prospekt der General Motors Europe haben mich ins benachbarte Elsass gelockt. Meine Erwartungen waren hoch, denn schliess-lich kennt man solche Fahrkurse schon aus dem heimischen Regensdorf oder Veltheim. Auch Marketing Events der Superlative über Fahrzeugtechnik und Rennsport sind für einen regelmässigen Indy 500 Pilgerer nichts Neues.

Schon am Vorabend angereist, fand ich mich also im „Fahrerlager“ des stilvollen Hotel L‘Europe unweit von Colmar ein und philosophierte darüber, wie sich wohl eine neue Corvette C5 quälen liesse.



Mitten im idyllischen Elsass gelegen, lässt der Kurs von Anneau du Rhin das Herz eines jeden sportlichen Fahrers höher schlagen. Der Parcour, der gemäss den Sicherheitsricht-linien der FIA gebaut wurde, besitzt einen dränierten Belag für optimales Fahren. Die vier alternativen Konfigurationen der abwechslungsreichen und natürlichen Rennstrecke sollen grossen Fahrspass garantieren.

Um 9 Uhr in der Früh des grossen Tages ging’s dann los. Gleich bei der Registrierung erhielt jeder Fahrer einen VIP-Passport um den Hals gehängt sowie eine Corvette-Mütze über die Frisur gestülpt. Im Begrüssungszelt fanden sich etwa 30 Testfahrer - teilweise mit Begleitung - ein und versuchten krampfhaft mit Kaffee und Käse-Brötchen das Zucken im rechten Fuss loszuwerden. Viele schienen anwesend zu sein: Echte Corvette-Fahrer, Corvette-Fans, Laien, Journalisten, Besserwisser und jene Menge GM-Funktionäre und Instruktoren.

Nicht nur mit den Instruktoren des Tages, alles erfahrene Tourenwagen- und Le Mans-Piloten, sondern auch mit den GM-Offiziellen wurden wir vertraut gemacht und kamen schon zu Beginn weg ins humorvolle Gespräch.

Um den Nervenkitzel zu steigern, schwärmte uns der GM-Techniker von den PS, dem Drehmoment und dem High-Tech-Fahrwerk vor, das alles in dem Polyester-Gebilde verborgen war, und das wir alles noch zu spüren bekommen sollten. Die nächsten Anweisungen bezogen sich auf die richtige Sitzposition sowie auf die korrekte Haltung des Lenkrades. Ich fand mich in der ersten Fahrstunde wieder... Naja, wir nahmen ja schliesslich an einem „Performance Training“ teil und fuhren keinen urbanen Rotlicht-Cruise.


Die Theorie-Stunde hielt sich erstaunlicherweise kurz. Der grosse Moment war nun ge-kommen, um in die Fahrzeuge zu sitzen und wirklich einmal Gas zu geben. Die von GM Europe bereitgestellten Vettes standen schön ausgerichtet in einer Reihe. Mir wurde ein knallgelbes Cabriolet zugeteilt, bei welchem ich fachgerecht die Sitzposition einstellte.

Bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen brummten die V8 auf und folgten den Instruktoren auf die Teststrecke. Unsere kleine Gruppe erreichte im Nu den ersten Posten, dessen Aufgabe lautete: Bremsen bei hoher Geschwindigkeit mit gleich-zeitigem Ausweichmanöver. Einmal dem Trainer zugeschaut, holten wir, zum Teil doch mit gemischten Gefühlen, Anlauf um es dem ABS zu geben.

Nachdem uns der Trainer demonstrierte, wie man mit "überdurchschnittlicher" Geschwindigkeit auf einen Gefahrenpunkt stösst, dann mit aller Gewalt ins Bremspedal steigt und gleichzeitig um ein Hindernis lenkt, kamen beim verursachten Reifenquietschen zum ersten Mal mulmige Gefühle auf.

Unsere kleine Gruppe von sechs Fahrzeugen reihte sich also hinter dem Ausgangspunkt auf und jeder wartete auf sein Signal. Beim ersten Durchgang war alles möglich. Die einen blieben zaghaft in der Mitte des Parcours stehen, andere konnten in letzter Sekunde einen Ausflug ins Kiesbett vermeiden. Trotz meines Adrenalin-Schubes wies die Radaranzeigetafel auf lächerliche 65 km/h bei der Einleitung des Bremsmanövers hin. Bei der Geschwindigkeit liege noch Potential drin, meinte der Instruktor lakonisch. Natürlich war zu Beginn die Hemmschwelle gross, Vollgas zu geben und beim besagten Punkt auch wirklich in die Eisen zu steigen. In den folgenden Durchgängen fokussierte ich eher auf den Lenkungszeitpunkt und das aktive Handling des Autos. Das Finale schloss ich mit einer astronomischen Geschwindigkeit von knapp 110 km/h ab, erwischte dafür die letzte Pylone des Hindernisses.


Geblieben ist eine glückselige Vertrautheit mit dem Fahrzeug. Sämtliche Teilnehmer waren verblüfft von der enormen Bremsleistung sowie von der absolut treuen Manövrierbarkeit dieser Corvette. Fassungslos starrten wir auf die paar Meter des Brems-Parcours und konnten es kaum wahrhaben, ein Auto unter solchen Bedingungen kontrolliert zu haben.

Nach einer philosophischen Kaffee- und Zigarettenpause schnallten wir uns erneut in die Sitze und rollten die Maschinen zur zweiten Übung. Als Ausgangslage war eine äusserst enge Kurve sowie nasser Asphalt deutlich zu erkennen. Das Ziel war es, den Chevy in die Kurve zu jagen und - je nach Situation - noch vor dem Scheitelpunkt abzubremsen oder eben nach dem Scheitelpunkt aufzufangen. Tja, diese Piste war nicht gerade meine Spe-zialität, wie sich später herausstellte. Entweder fuhr ich zu vorsichtig oder dann verlor ich bei exorbitanter Geschwindigkeit das Fahrzeug und rutsche quer auf die Böschung zu wie ein Pinguin über die Eisscholle. Dieses Spiel wiederholte sich jedesmal - nie fand ich zur richtigen Dosierung der mechanischen und physikalischen Kräfte.

Kein normaler Mensch fährt je auf nasser Strasse so wie wir es eben demonstriert haben. Mit diesen Worten tröstete ich mich und wischte mir die Schweissperlen von der Stirne.

Für einen stündigen Lunch wurde unsere Ausbildung unterbrochen und wir bedienten uns vom umfangreichen Buffet jener Köstlichkeiten. Bevor wir uns schliesslich weiter fordern liessen, tauschten wir noch erste Erfahrungen und Meinungen aus.

Nach dem Essen sollst Du rauchen, oder... ...die Reifen rauchen lassen.
Auf dem kleinen Innenring der Rennstrecke galt es nun, die Ideallinie zu finden, perfekt in die Kurve hineinzubremsen und aus dieser wieder herauszubeschleunigen. Als langjähriger Heckantrieb-Fahrer war ich mir dessen Technik bestens vertraut und ich sah die gelbe, noch unversehrte C5 schon als Opfer meines gnadenlosen Beschleunigungstriebes.

Der Instruktor mit der Le Mans Erfahrung setzte sich unverzüglich an die Spitze und wir folgten in kriminellen Abständen seinem Pace. Schon bald entwickelte ich mit dem Wagen die nötige Dynamik und pendelte gekonnt auf die zu fahrende Linie ein. Runde für Runde wurden wir immer schneller und liessen schliesslich in jeder Kurve mit infernalischem Getöse kostbaren Gummi auf der Strasse liegen. Zum Glück waren dies nicht meine eigenen Reifen. Und zum Glück sassen wir eng angeschnallt in Schalensitzen mit komfortablen Seiten- und Kopfstützen - ansonsten hätte es meinen leicht übergewichtigen Körper alle 30 Meter aus dem Cabriolet katapultiert.


Nur schade, war selbst der längste Streckenabschnitt zu kurz, denn ich hätte die Vette gerne voll ausgefahren. Doch kaum projiezierte das Head-up-Display den Wert von 210 km/h auf die Frontscheibe, kam schon die gefürchtete 90° Rechtskurve mit ihrer unfreundlichen Schikane...

Zugegeben, mein T-Shirt war nicht mehr trocken, als wir das kleine Rennen beendeten und in der Boxengasse aufkolonnierten. In der Luft schwebte der Geruch von verbranntem Gummi. Das klebrige Profil der heissgefahrenen Pneus zog beinahe Fäden wie ein Walliser Raclette-Käse. Ach, tat das gut! Einmal so richtig Gas geben und ans Limit fahren. Für die vom Baregg oder Gubrist geplagten Automobilisten unter uns wäre dies ein wahrer emotionaler Erguss gewesen.

Die Reifen hatten nun die optimale Konstitution, die letzte Übung vom Tag zu absolvieren. Im Sinne eines Wettbewerbs wurden wir gefordert, den aufgestellten Slalom-Parcours in best-möglichster Zeit zu durchfahren. Der Rekord, so wurde uns schelmisch mittgeteilt, lag bei 17 Sekunden.

Nun, zum Amüsement aller Anwesenden wurde aus dieser Übung ein reinstes Pylonen-Festival. Ich zum Beispiel, wagte im ersten Lauf gar viel. Mit einem Kickdown löste ich mich von der Startlinie, kam gut durch vier Tore, konnte aber den schaukelnden Chevy kaum noch halten und misshandelte in der Folge die restlichen orangefarbenen Hütchen. In der Manier von "Starsky & Hutch" wendete ich am Endpunkt den Wagen mit durchdrehenden Rädern und nahm die Rückfahrt im selben Stil in Angriff. Die erlösende Ziellinie war im Blickfeld, nochmal Vollgas, dann eine Vollbremsung und "Click". Die Stoppuhr zeigte sensationelle 18 Sekunden. Doch den malträtierten Pylonen wegen konnte dieser Durchgang nicht gewertet werden.

Mein zweiter, wesentlich seriöserer Lauf, wurde dagegen mit moderaten 21 Sekunden gemessen. Zumindest kam ich regulär ins Ziel und drehte das Auto nicht in die Rabatte wie der eine oder andere Kamerad. Wie allerdings die erwähnten 17 Sekunden erreicht wurden, blieb bis heute ein Rätsel.


Dieser erlebnisreiche Tag hatte viele Facetten. Zum einen war es eine durchaus gelungene Promotion für die aktuelle Corvette, zum anderen bot es den interessierten Motorsportlern die ideale Gelegenheit, ein Auto so zu fahren und Strassensituationen so kennenzulernen, wie es kaum möglich sein wird. Wir alle waren von der technischen Perfektion der heutigen Corvette überzeugt und werden dieses luxuriöse Abenteuer wohl noch lange in Erinnerung behalten.

Das Abendprogramm des "Corvette Performance Training" wurde standesgemäss mit einem Champagner-Apéro eröffnet. Als grosse Überraschung wurde uns - den ersten Europäern wohlverstanden - das exklusive bordeauxrote 50 Jahre Corvette Jubiläumsmodell präsen-tiert. Lediglich 175 Stück von dem Bijou sollen nach Europa geliefert werden. Offiziell jeden-falls.

Im anschliessenden Dinner wurden wir mit unzähligen kulinarischen Delikatessen verwöhnt. Ähnlich der GM Fahrzeugpalette konnte jeder Geschmack getroffen und jeder Appetit gestillt werden. Der krönende Abschluss bot sich dann im improvisierten Casino. Zu ein paar Drinks durfte man sich am Black Jack- und am Roulette-Tisch vergnügen, oder einfach an der edlen Mahagoni-Bar über die Tagesereignisse diskutieren.

Ich nutzte die Gelegenheit, mit dem Marketingleiter der GM Europe ein paar Worte zu wechseln. Dabei stellte sich heraus, dass sich Chevrolet sehr darum bemüht, der aus früheren Zeiten stammende einschlägige Ruf der Corvette zu korrigieren, und mit den neuen Modellen eine aktive Imagepflege sucht. Der Erfolg blieb, unter anderem auch dank der mirakulösen Fahrleistung der C5, nicht aus. So konnten im deutschen Raum viele Porsche- und Jaguar-Kunden abgeworben werden. Die Schweiz sei ausserdem mit 100 verkauften Neuwagen jährlich prozentual gesehen einer der wichtigsten Märkte.

Die einzige Schwierigkeit in Europa sei, das Segment der potentiellen Corvette-Kunden zu definieren. Sowohl im amerikanischen als auch im asiatischen Markt lasse sich der Corvette-Fahrer klar anhand seines Alters, Einkommensklasse und Lifestyle identifizieren. In Europa scheint es aufgrund der differenzierten automobilen Geschichte, der ausgewogenen Einkom-mensverteilung, den individuellen Wertvorstellungen und geographisch unterschiedlichen Mentalitäten sehr schwierig, mit der Corvette eine einzelne Gruppe gezielt anzusprechen.

Angesprochen fühlte ich mich, als ich zur fortgeschrittener Stunde auf meinem Hotelbett ein 1:18 Corvette-Modell sowie ein gerahmtes Zertifikat zum "Advanced Corvette Driver" vorfand. Also aufgepasst, Jungs und Mädels, an der Pässefahrt bin ich auch dabei... !



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